Jenseits der Haut bist du - Diesseits bin ich Näher kommen wir einander nicht. Nur Haut an Haut. Zwei Quadratmeter Nervengeflecht, fünf Millionen hysterische Punkte. Oder Alarmsignale. Je nachdem, wer sie wie warum berührt. Erst wenn du dir darüber keine Gedanken mehr machen mußt, fühlst du dich wohl. So ist das immer mit dem Denken. Man muß es abstellen, ehe man Ekstasen hat. Erst müssen die Fragen aufhören, die Zweifel einschlafen, die Pläne endlich Ruhe geben. Mach die Augen zu, leg dich hin, laß dich fallen, dir wird schon nichts passieren. Nur noch da liegen und fühlen, auf jedem Quadratzentimeter ein paar tausend Mal. Hier zum Beispiel, in dieser Kuhle unter deinem rechten Schlüsselbein. Mal sehen, wohin das noch treibt. Du willst nicht? Alle wollen es. Alle sehnen sich nach Berührungen, alle wollen gestreichelt werden. Es gibt Umfragen darüber, jede Menge. In einer amerikanischen zum Beispiel haben drei Viertel aller verheirateten Frauen zu Protokoll gegeben, vor die Wahl zwischen Streicheln und Geschlechtsverkehr gestellt, würden sie sich ohne zu zögern fürs Streicheln entscheiden. Zugegeben, das Wort ist dämlich. Es hört sich so nach Goldhamstern an. Oder nach Ehepaaren, denen die Leidenschaft abhanden gekommen ist. Oder nach Klemmern, die Angst haben, richtig angefaßt zu werden. Harmlos eben. Als ob es harmlos wäre, was ich gerade mache. Da auf deinem Bauch. Streicheln, für sich genommen, paßt nicht in unsere erwachsene Welt. Dieses Herumwandern auf der Haut, ohne Ziel und ohne Absicht, ist uns zu verspielt. Keine Effektivität. Nur eine warme, sachte Hand, die sich Zeit läßt. Das macht nervös. Wir streicheln uns nur unter Vorwänden. Als Massage. Oder wenn es ins Vorspiel eingebaut wird, fünf Minuten zum Aufwärmen, und dann darf die Hand endlich dort hin, wo sie eigentlich die ganze Zeit schon hinwollte. Gib zu, daß du gerade darüber nachdenkst, was ich mit dir vorhabe. Irgendwann, denkst du, wird er mehr wollen als bloß das. Und ich denke, daß du denkst, daß ich denke, daß ich dich eigentlich gar nicht streicheln will. Schade eigentlich. Wo meine Hand gerade so schön liegt. Auf deinem linken Schulterblatt, gleich rechts neben dem Muttermal. Wer nicht gestreichelt wird, muß sterben. Das ist keine Metapher. In den 40er Jahren senkte ein New Yorker Arzt auf seiner Frühgeborenenstation die Kindersterblichkeit, indem er seinem Personal strikte Order erteilte, die Frühchen ein paarmal am Tag ausgiebig zu streicheln. Eine amerikanische Studie hat gezeigt, daß einsame, also unberührte Menschen dasselbe Herzinfarktrisiko haben wie Raucher. Und unzählige Untersuchungen weisen nach, daß, wer als Kind ausreichend geherzt, liebkost und geknuddelt wird, ein Leben lang schlauer, gesünder und sozialer ist. Das liegt an den Hormonen, die ausgeschüttet werden, während man gestreichelt wird, und den Körper besser funktionieren lassen. Sogar die berühmte Streicheleinheit läßt sich wissenschaftlich exakt messen: 40mal pro Minute. Das ist die Frequenz, in der Menschen instinktiv Babys streicheln. Dass interessiert dich nicht? Mich auch nicht. Das ganze medizinische und psychologische Gerede lenkt sowieso nur ab von dem, worum es beim Streicheln geht: ums Nahsein. So nah, daß man irgendwann nicht mehr weiß, wo die eine Haut anfängt und die andere aufhört. Dieses merkwürdig selbstvergessene Dahintreiben in einem gemütlich plätschernden See aus Berührungen. Die Wellen, die sich über deiner Haut kräuseln, hin und her und hin und her. Allmählich bekommst du einen neuen Körper dabei, einen Körper, den du gar nicht mehr gewohnt bist: Wenn ich dich am Fuß streichle, kribbelt es im Bauch, wenn ich dich am Nacken berühre, spürst du es in deinen Brustwarzen, in deinen Lippen, wo auch immer. Lauter Straßen auf deiner Haut, von denen du nicht die geringste Ahnung hattest. Sonst hast du ja schnell den Verdacht, daß man von dir immer nur Einzelheiten wahrnimmt, das Knie, den Rücken, den Hintern. Und natürlich denkst du, daß man manche von diesen Einzelheiten nur in Kauf nimmt und nur manche wirklich mag: Die Kniekkehle mag er nur, weil sie näher am Oberschenkel ist als der große Zeh, und die Flanke ist für ihn nur eine Etappe auf dem Weg zum Busen. Aber wenn du gestreichelt wirst, nur gestreichelt, hängt alles mit allem zusammen. Alles bist du. Ganze Industrien leben davon, daß wir einander zuwenig streicheln. Die Masseure, zu denen wir natürlich nur gehen, weil wir Rückenschmerzen haben. Die Tantraheinis, die aus Berührungen gleich eine New-AgeReligion machen. Die Möbeldesigner, deren Produkte immer weicher, pelziger, kuscheliger werden, weil sie die Bedürfnisse unberührter Singles erkannt haben. Sogar die Autos sehen immer häufiger so aus, als kämen sie aus dem Streichelzoo. Lauter süße, smarte Metalltierchen. Bloß weil wir uns nicht eingestehen können, wie dringend nötig wir es haben. Nur die Tamagotchis bekommen genug. Die piepsen ja auch, wenn sie vernachlässigt werden. Nicht auszudenken, wie laut es wäre, wenn wir bei Berührungsnotstand auf Piepsen programmiert wären. Streicheln ist, als könnte man mit den Fingern lesen. Die Landkarten auf deiner Haut. Diese Narbenschlucht hier zum Beispiel. Oder dieser Nabelkrater, diese Bauchtiefebene. Und diese Wiese da. Aber in diesen Kontinent wollte ich ja gar nicht. Kann aber auch sein, daß Streicheln nicht Lesen, sondern Schreiben ist. Schreiben auf dir, lauter kleine Briefe für deine Poren. Anfang des 19. Jahrhunderts, als ein gewisser Hauptmann Barbier den Vorläufer der Blindenschrift erfand, nannte er das l'ecriture nocturne -"Nachtschrift". Schöner könnte man nicht definieren, was Streicheln wirklich ist. Jetzt bin ich dran. (Verfasser ist mir leider unbekannt. Bestimmt jemand Nettes.)